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Lebenszyklusanalyse aus Verbrauchersicht: Ein Ding der Unmöglichkeit

Unlängst habe ich mir einen Laptop-Rucksack namens „Cubik Large Acid Black“ der Firma Pingponq gekauft. Warum? Weil er schick aussah und alle praktischen Eigenschaften hatte, die ich brauche. Ausschlaggebend für den Kauf gerade dieses Produktes war aber die Aussage des Herstellers: „Stoffe mit Reliefstruktur zu 100% aus 33,4 recycelten PET-Flaschen“. Das machte mich neugierig. Durch eine Suche über mein Smartphone fand ich heraus: Der Hersteller nimmt für sich eine gesteigerte Nachhaltigkeit seiner Produkte in Anspruch, weil er für die außenliegenden Flächen des Rucksacks Stoffe verwendet, die zu 100% aus recycelten PET-Flaschen hergestellt sind. Grundlage ist die Entscheidung, aus Polyester hergestellte Stoffe zu verwenden, weil Polyester leicht, strapazierfähig und gut zu verarbeiten ist. Um nicht aus Rohöl, also einem Primärrohstoff hergestelltes Polyester zu verwenden, bezieht der Hersteller Stoffe, die primär aus recyceltem Polyester hergestellt werden.

Dabei läuft der Produktionsprozess wie folgt ab:

• Leere PET-Flaschen werden gesammelt und zu einem Recyclingbetrieb gebracht. Dort werden die farblosen Flaschen für den Recyclingprozess herausgesucht.

• Die Flaschen werden zu PET-Flakes zerkleinert. Anschließend werden die PET-Flakes in einem Wasserbad gereinigt.

• Die PET-Flakes werden eingeschmolzen und durchmischt. Die heiße Masse wird zu dicken Fäden geformt, die anschließend in 3 mm große Pellets geschnitten werden.

• Die Pellets werden erneut geschmolzen, zu langen Fäden gezogen und zu Garn gesponnen. Das fertige Garn wird auf Spulen aufgewickelt und zu einer Weberei transportiert.

• Das Garn wird in Webmaschinen eingespannt und zu weißen Stoffbahnen gewebt. Die Stoffbahnen werden mit Mustern bedruckt und beidseitig beschichtet, so dass der Stoff wasserabweisend ist.

• Aus den Stoffbahnen werden die Schnittmuster zugeschnitten. Nicht verwertbare Stoffreste werden u.a. als Füllmaterial verwendet. Aus den Stoffteilen werden schließlich die Produkte genäht.

Die Vorstellung, dass aus PET-Flaschen, die ich auch selbst hin und wieder zu Hause benutze und gegen Pfand-Rückerstattung beim Discounter abgebe, erhebliche Anteile der Stoffe hergestellt worden sind, die ich nun als Rucksack auf meinem Rücken trage, ist faszinierend, zeigt sich daran doch, wie vielfältig inzwischen die Technologien und Geschäftsideen sind, um Materialien und Stoffe im Kreislauf zu bewirtschaften.

Aber ob das auch nachhaltig ist? Das lässt sich aus Verbrauchersicht kaum beurteilen. Denn dafür müsste man konsequenterweise auch schon das „1. Leben“ des Kunststoffs als PET-Flasche im Vergleich zu den insoweit bestehenden Produktalternativen mit berücksichtigen. Auch zeigt sich am geschilderten Recycling-Prozess, dass dieser nicht wenig aufwändig und wohl auch mit erheblichen Transportstrecken verbunden ist – insoweit wäre ein Vergleich mit einer Produktion eines Polyester-Stoffes aus Rohöl anzustellen. Die Verschiffung von Stoffen nach Asien zur dortigen Produktion von Weberei- oder Näherei-Erzeugnissen ist dann wohl Ausdruck der unvermeidlichen Globalisierung unserer heutigen Wirtschaft. Schließlich könnte man in die Überlegung noch mit einfließen lassen, welche Erzeugnisse unter dem Gesichtspunkt der Generationengerechtigkeit vorteilhaft sind, je nachdem, ob die Erzeugnisse unter Verwendung von Primärrohstoffen oder Sekundärrohstoffen hergestellt worden sind.

Spätestens hier wurde mir klar, dass man als Verbraucher an der Aufgabe, vor der Kaufentscheidung spontan eine Lebenszyklusanalyse unter den Aspekten der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung (vgl. § 6 Abs. 2 KrWG) anzustellen, notwendigerweise scheitern muss. Nachhaltigkeit ist in der Situation einer Kaufentscheidung schlichte Vertrauenssache.