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Earth Overshoot Day

Heute ist Earth Overshoot Day!

In Deutschland konnte man sich bislang zwar noch nicht auf eine einheitliche Übersetzung des Begriffs einigen – Welterschöpfungstag und Erdüberlastungstag sind die gängigen Varianten –, aber die Aufmerksamkeit sollte auch nicht auf dieses linguistische Detail gerichtet sein, sondern auf die dramatische Botschaft, die mit dem Earth Overshoot Day ausgesendet wird: Am heutigen Tage hat die Menschheit bereits alle Ressourcen verbraucht, die die Erde dieses Jahr zur Verfügung stellen kann.

Aber wie wird dieses Datum eigentlich berechnet? In der Tagespresse erfährt man hierzu nur wenig Konkretes. Auch das Global Footprint Network mit Sitz im kalifornischen Oakland, das den Earth Overshoot Day bekannt gibt, bleibt auf der eigens eingerichteten Website www.overshootday.org und auch in seiner Pressemitteilung zum Earth Overshoot Day 2018 im Vagen. Erst nach einem Eintauchen in die verschiedenen, über die Website verstreuten Einzelangaben und in das Datenrepositorium werden die eigentlichen Berechnungen nachvollziehbar.

Grundlage der Berechnungen sind öffentlich verfügbare Daten, die zum größten Teil von den Vereinten Nationen und von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen bereit gestellt werden.

Rechengrößen sind der ökologische Fußabdruck und die Biokapazität. Der ökologische Fußabdruck bezeichnet dabei die Menge biologisch produktiver Land- und Meeresflächen, die erforderlich sind, um alle von einer Bevölkerungsgruppe verbrauchten Ressourcen zu produzieren und deren CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger und aus der Zementproduktion zu absorbieren. Die Biokapazität hingegen bezeichnet die in einem bestimmten Gebiet vorhandene Menge biologisch produktiver Land- und Meeresflächen, die für die Deckung des Fußabdrucks zur Verfügung stehen. Übersteigt die Biokapazität den Fußabdruck, besteht eine ökologische Reserve; übersteigt der Fußabdruck die Biokapazität, liegt ein Ökodefizit vor, d.h. das entsprechende Gebiet muss dieses Defizit durch Handel ausgleichen, es muss die Biokapazität reduzieren oder es muss CO2-Emissionen in die Atmosphäre abgeben.

Recheneinheit ist der „globale Hektar“ (gha). Er bezeichnet einen Hektar (10.000 m²) biologisch produktives Land mit einer in globaler Hinsicht durchschnittlichen Produktivität. Die insoweit herangezogenen Flächen setzen sich zusammen aus den Teilflächen Ackerfläche, Weidefläche, Fischgründe, Wälder sowie bebautes Land. Diese Teilflächen werden mit bestimmten Faktoren multipliziert, um unterschiedliche Produktivitätsraten zu berücksichtigen. So waren z.B. im Jahr 2008 Ackerflächen 2,51-mal so ertragreich wie sämtliche Flächen im Durchschnitt. Zudem waren Ackerflächen in Deutschland 2,21-mal so ertragreich wie Ackerflächen im globalen Durchschnitt. Ein Hektar Ackerfläche in Deutschland entspricht damit 5,55 gha.

Die letzten zur Verfügung stehenden Zahlen stammen aus 2014. In diesem Jahr betrug die Biokapazität der Erde 12,2 Milliarden gha und betrug der ökologische Fußabdruck der gesamten Menschheit 20,6 Milliarden gha.

Die eigentliche Berechnung des Earth Overshoot Day erfolgt, indem man die Biokapazität der Erde durch den ökologischen Fußabdruck der Menschheit teilt und diesen Wert dann mit 365 multipliziert. Für 2018 ergibt diese Rechnung die Zahl 216,5. Dies bedeutet, dass im Laufe des 217. Tages des Jahres 2018 die Biokapazität aufgebraucht sein und ein Defizit entstehen wird. Teilt man hingegen den Fußabdruck durch die Biokapazität, erhält man den Wert 1,69. Der Fußabdruck übersteigt die Biokapazität der Erde also um den Faktor 1,69, so dass im Jahr 2018 genau 1,69 Erden benötigt werden, um den Fußabdruck zu decken.

Der 217. Tag des Jahres 2018 ist übrigens der 5. August. Warum das Global Footprint Network den Earth Overshoot Day gleichwohl auf den 1. August festgesetzt hat, erschließt sich nicht. Die Abweichung von vier Tagen mag der Berücksichtigung von Einzelfaktoren geschuldet sein, die keinen Eingang in die Datenbasis gefunden haben.

Die Daten des Global Footprint Network ermöglichen es auch, den Verbrauch der Bürger einzelner Länder hochzurechnen und so den nationalen Overshoot Day zu bestimmen, also den Tag, auf den der Earth Overshoot Day fallen würde, wenn der Verbrauch jedes einzelnen Menschen weltweit dem Verbrauch des durchschnittlichen Bürgers des betreffenden Staates entsprechen würde.

Deutschland hatte seinen nationalen Overshoot Day am 2. Mai begangen. Die beiden Länder mit den (gemessen an den Maßstäben des Global Footprint Network) verschwenderischsten Bürgern sind Katar und Luxemburg. Legt man die katarischen bzw. luxemburgischen Verhältnisse zugrunde, wäre Earth Overshoot Day bereits am 9. bzw. 19. Februar gewesen. Den kleinsten ökologischen Fußabdruck hinterlassen die Bürger von Eritrea; einen entsprechenden nationalen Overshoot Day gibt es nicht, weil die Menschheit, würde sie in eritreischen Verhältnissen leben, die Biokapazität der Erde nicht beeinträchtigen würde.

Weiterhin lässt sich auch die jeweilige nationale Biokapazität ins Verhältnis zu dem nationalen Fußabdruck setzen. So liegt z.B. der ökologische Fußabdruck von Pakistan 98 % über der Biokapazität des Landes, d.h. es wäre annähernd die doppelte Biokapazität erforderlich, um den dortigen Fußabdruck zu decken. Der Fußabdruck von Deutschland liegt bei 182 % der Biokapazität, d.h. es wäre das 1,82-fache der derzeitigen Biokapazität zusätzlich erforderlich, um den Fußabdruck zu decken.

Das insoweit größte Ökodefizit hat Singapur zu verzeichnen: Der Fußabdruck des Landes übersteigt seine Biokapazität um fast 10.000 %. Das andere Extrem bildet Französisch-Guayana, wo die Biokapazität den Fußabdruck um 3.869 % übersteigt. In Sierra Leone, Ecuador und Mali halten sich Biokapazität und Fußabdruck ungefähr die Waage.

01.08.2018 Dr. Henning Blatt